Das US-Justizministerium hat große Teile der Epstein-Files veröffentlicht: rund drei Millionen Seiten mit E-Mails, Fotos und Videos, größtenteils zusammengetragen von Ermittlern gegen Jeffrey Epstein. Die Veröffentlichung erfolgte auf Drängen des Parlaments; weitere etwa drei Millionen Seiten bleiben unter Verschluss. Im Zentrum steht der verurteilte und verstorbene Sexualstraftäter Epstein, dem mehr als 1000 Opfer zugerechnet werden. Mädchen und junge Frauen wurden von Epstein und Männern in seinem Netzwerk missbraucht; weltweit sollen Scouts neue Opfer vermittelt haben. Eine zentrale Rolle spielte seine Lebenspartnerin Ghislaine Maxwell, die zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Die Veröffentlichung war zunächst verzögert worden, um Namen und Adressen von Opfern zu schwärzen. Tatsächlich fanden sich nun viele Opfernamen ungeschwärzt, während Namen einflussreicher Männer und möglicher Täter geschwärzt wurden, wie Abgeordnete nach Einsicht bestätigten.
Epstein hatte Mathe und Physik studiert, das Studium abgebrochen, war Mathelehrer und stieg zum Investmentbanker und Vermögensverwalter für sehr reiche Menschen auf. Laut einer Recherche des Magazins der New York Times baute er sein Vermögen vor allem durch hohe Gebühren als Vermögensverwalter auf, nicht durch Erpressung. 2007 wurde er in Florida wegen Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen verurteilt und ab 2008 als Sexualstraftäter geführt. Von 18 Monaten Haft verbüßte er nur 13, faktisch im Freigang. 2019 wurde er erneut verhaftet, angeklagt wegen Menschenhandels Minderjähriger zum Zweck sexueller Ausbeutung, und starb im August 2019 in U-Haft. Offiziell nahm er sich das Leben; es gibt erhebliche Zweifel, weil Kameras ausgeschaltet waren und Wächter Protokolle gefälscht hatten. In den Files tauchen zahlreiche prominente Namen auf, darunter Bill Gates, Woody Allen, Stephen Hawking, Donald Trump, Mohammed bin Salman, Tony Blair und Elon Musk; für alle gilt die Unschuldsvermutung. Belastet ist der ehemalige Prinz Andrew, dem das Epstein-Opfer Virginia Giuffre mehrfachen Missbrauch vorwarf; aktuell wurde Andrew verhaftet, wegen des Vorwurfs, vertrauliche Dokumente an Epstein weitergeleitet zu haben.
Die erste Ermittlung erklärt vieles. Im März 2005 meldete sich die Mutter einer 14-Jährigen bei der Polizei in Palm Beach. Der damalige Polizeichef Michael Reiter fand binnen eines Monats 14 Mädchen mit identischen Missbrauchsberichten. Bei einer Hausdurchsuchung fehlten plötzlich Epsteins Computer; Reiter ist sicher, dass Epstein gewarnt wurde. Der Staatsanwalt in Florida hielt die Opfer für nicht glaubwürdig; später vermutete Reiter, dass dieser Infos an Epsteins Verteidiger durchstach. Reiter ging mit seinen Beweisen zum FBI, das einen klaren Fall sah. Doch 2007 schloss Bundesstaatsanwalt Alexander Acosta einen Deal: Epstein bekannte sich nur der Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen schuldig, erhielt 18 Monate Haft und Immunität auch für alle potenziellen Komplizen. Der geheim gehaltene Deal verhinderte ein Eingreifen der Opfer. Acosta wurde später Arbeitsminister unter Trump. Epstein missbrauchte über zehn weitere Jahre. Erst nach einer Serie des Miami Herald im November 2018 über diesen Deal leitete der Generalstaatsanwalt für den südlichen Distrikt von New York neue Ermittlungen ein.
Bei der Anhörung von Justizministerin Pam Bondi im Repräsentantenhaus warf ihr ein Abgeordneter aus Kalifornien vor, unter Eid gelogen zu haben, als sie sagte, es gebe keine Beweise für Straftaten Trumps. Er verwies auf einen Zeugen, der dem FBI gemeldet hatte, ein Mädchen habe von einer Vergewaltigung durch Trump und Epstein berichtet und sei später erschossen worden; niemand habe mit diesem Zeugen gesprochen. Bondi solle zurücktreten. Auf die Frage, wie viele Komplizen sie angeklagt habe, antwortete Bondi nicht inhaltlich. Hinter ihr saßen elf Opfer; als eine Abgeordnete fragte, wer noch nicht vom Justizministerium befragt worden sei, hoben alle die Hand.

