Anlass des Interviews sind die jüngsten Gespräche zwischen den USA und dem Iran, in deren Kern die iranischen Atombomben-Bestrebungen stehen. Zuvor hatte es im Iran große Proteste gegeben, die das Regime blutig niederschlug. Offiziell spricht der Iran von mehr als 3000 Toten; Schätzungen reichen bis zu 10.000 und darüber hinaus. Tausende Protestierende wurden inhaftiert. Am Wochenende versammelten sich in München mehr als 250.000 Menschen auf der Theresienwiese, um Reza Pahlavi zu treffen, den Sohn des 1979 aus dem Iran vertriebenen Schahs. Pahlavi will das Mullah-Regime stürzen, aus dem Exil zurückkehren und das Land übergangsweise führen. Zur Lage im Iran spricht im Podcast Katajun Amirpur, Professorin für Islamwissenschaften an der Universität zu Köln. Das Interview führt Co-Hostin Anne Will.
Iran nach den Protesten: Interview mit Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur
Einordnung
Amirpur erklärt, das Regime habe mit allem zugeschlagen, was ihm zur Verfügung stand, und sei gut präpariert gewesen, weil es seit Jahren Proteste gebe (1999, 2009, 2017/18 und die schichtenübergreifende Gina-Mahsa-Amini-Bewegung 2022). Die Revolutionsgarden, die inzwischen auf der EU-Terrorliste stehen, und ihre Schlägertrupps, die Basidsch, seien seit Jahren auf das Niederschlagen von Protesten trainiert. Als am 8. Januar das Internet abgestellt wurde, sei klar gewesen, dass das Regime morden und keine Zeugen haben wolle.
Zum Zusammenhalt der Elite sagt Amirpur, im Großen und Ganzen stehe das Regime zusammen, weil es für die Profiteure um alles oder nichts gehe. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung lehnten das Regime laut Umfragen ab, doch die verbleibenden zehn Prozent umfassten nicht nur die Granden und das Fußvolk der Revolutionsgarden, sondern auch wirtschaftlich Verbundene; die Revolutionsgarden kontrollierten bis zu 80 Prozent der iranischen Wirtschaft. Bei 93 Millionen Menschen seien das genug, die den Bestand der Islamischen Republik fürchteten, auch aus Angst vor der Rache einer 47 Jahre lang drangsalierten Bevölkerung. Risse in der Elite zeigten sich ausgesprochen wenig; es gebe nur vereinzelte Kritik und einzelne Soldaten, die sich weigerten zu schießen, aber nicht in der Dimension wie in der Revolution 1978/79, als sich die Armeeführung verweigerte. Khomeini habe die Revolutionsgarden gerade deshalb gegründet, um eine Institution zu schaffen, die das Regime auch gegen die eigene Bevölkerung verteidige.
Gebracht hätten die Proteste für den Moment nichts außer einer Bevölkerung in Schockstarre; verifiziert seien etwa 7000 Tote, manche sprächen von rund 50.000. Zugleich habe sich eine große Solidarität gezeigt: Menschen hätten einander Haustüren geöffnet, Ärzte inkognito geholfen, Menschen sich vor die Kugeln geworfen.
Reza Pahlavi beschreibt Amirpur als jemanden, der hauptberuflich Sohn gewesen sei und kaum politische Erfahrung habe. Dass viele auf die Theresienwiese kamen, liege auch daran, dass viele Monarchisten im Exil seien. In Iran sei Pahlavi umstritten: Man kreide ihm an, sich nicht von der Herrschaft seines Vaters distanziert zu haben, und dass seine Anhänger dem feministischen Slogan "Frau, Leben, Freiheit" den Slogan "Mann, Vaterland, Aufbau" entgegensetzten. Zudem habe er erklärt, mit allen außer Separatisten sprechen zu wollen; als solche gälten ihm offenbar die rund 50 Prozent der Bevölkerung, die nicht Persisch als Muttersprache sprächen, etwa Araber, Kurden, Aserbaidschaner und Belutschen. In diesen Regionen sei deshalb weniger protestiert worden. Ob Pahlavi ein echter Hoffnungsträger oder nur ein "Mann des Übergangs" sei, könne sie nicht einschätzen; es gebe Gerüchte, er äußere sich in persischsprachigen Interviews anders als gegenüber der europäischen Presse. Sie verweist auf Khomeini, der sich in Frankreich offen und tolerant gezeigt habe, bevor es anders kam, und sorgt sich, dass sich Geschichte wiederhole. Die iranische Auslandsopposition sei zudem heillos und grenzwertig zerstritten.
Zu Trumps Drohungen mit einem Militärschlag sagt Amirpur, die Drohkulisse werde aufgebaut, um den Iran an den Verhandlungstisch zu zwingen, doch das Regime spiele auf Zeit. Da der Iran die Maximalforderungen (komplette Aufgabe der Urananreicherung, Einstellung des ballistischen Raketenprogramms, Ende der Unterstützung der Milizen) als Totalkapitulation nicht eingehen könne, werde ein Militärschlag wahrscheinlicher. Die Vorstellung, die Bevölkerung gehe dann auf die Straße, sei naiv; im sogenannten Zwölftagekrieg im Sommer seien die Menschen vor den Bomben geflüchtet. Ein Militärschlag könne der Opposition eher einen Bärendienst erweisen, zumal unklar sei, ob Trump die nötigen Bodentruppen entsenden würde.
Die Atomgespräche in Genf, vom Oman initiiert, werden nach Amirpurs Einschätzung scheitern, weil der Iran den Forderungen nicht entsprechen könne und Zeit schinden wolle. Selbst im besten Fall einer Einigung hätte das für die Menschen im Iran, die in Freiheit und Demokratie leben wollten, keinen positiven Effekt; der Iran würde auf der Weltbühne legitimiert, könnte sein Öl wieder besser verkaufen, und Trump würde das Regime als legitimen Partner etablieren. Den Europäern empfiehlt sie, das Regime systematischer und zielgerichteter zu sanktionieren; bisherige Sanktionen hätten vor allem die normale Bevölkerung getroffen, während die Revolutionsgarden am Schwarzmarkt reicher geworden seien. Auch die in Deutschland betriebene Geldwäsche für Regime-Mitglieder müsse unterbunden werden. Hoffnung auf eine baldige Besserung äußert Amirpur nicht; sie bezeichnet sich als skeptisch.
Philip ordnet die Atombomben-Bestrebungen als zentrales Thema der Gespräche ein und äußert, dass an den iranischen Atomwaffen-Ambitionen aus seiner Sicht nicht ernsthaft gezweifelt werden könne, auch wenn das Regime sie bestreite. Er schildert, dass er Reza Pahlavi in München in dem stark überwachten Bereich rund um den Bayerischen Hof beinahe selbst begegnet sei.
