Am Dienstag jährte sich der Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine zum vierten Mal. Der Begriff „Vollinvasion" grenzt den Angriff vom 24. Februar 2022 von der vorherigen Eskalation ab: Bereits 2014 unterstützte Russland in der Ostukraine verdeckt Kämpfer und entsandte teils Truppen ohne Hoheitszeichen; im selben Jahr folgte die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. 2022 rollten dann russische Panzer über die Grenze, um das ganze Land zu besetzen und die Regierung zu beseitigen.

Zum Jahrestag reisten zahlreiche westliche Staats- und Regierungschefs aus der „Koalition der Willigen" nach Kiew, angeführt von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa. Am nationalen Gedenktag fand auf dem Maidan eine Gedenkveranstaltung statt, bei der Präsident Wolodymyr Selenskyj, seine Ehefrau und die Gäste — darunter Finnlands Präsident Alexander Stubb, Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen, Norwegens Premier Jonas Gahr Støre und Schwedens Premier Ulf Kristersson — Kränze niederlegten und eine Schweigeminute einhielten. Der Maidan ist auf private Initiative hin zu einem Mahnmal geworden: Familien gefallener Soldatinnen und Soldaten stellen dort Fähnchen, Bilder und Lebensdaten auf — inzwischen ein Meer aus Flaggen und Fotos angesichts hunderttausender Opfer.

Im Hotel InterContinental folgte eine Konferenz, bei der es vor allem um Geld ging. Die EU-Staaten hatten sich darauf geeinigt, die Ukraine mit einem Kredit über 90 Milliarden Euro zu stützen — beschlossen einstimmig am 18. Dezember, auch mit der Stimme des ungarischen Premiers Viktor Orbán. Die Summe soll Russland signalisieren, dass der Westen den längeren Atem und das dickere Portemonnaie hat, und die Ukraine zu einem „Steel Porcupine" machen. Formal ist es ein Darlehen, das die Ukraine nach menschlichem Ermessen nie zurückzahlen muss: Rückzahlung wäre nur fällig, wenn Russland Reparationen leistet.

Trotz seiner Zustimmung blockiert Orbán nun die Auszahlung, weshalb der Kredit am Dienstag im EU-Parlament nicht final abgesegnet werden konnte. Als Grund nennt er, dass Russland am 27. Januar eine Ölpipeline in der Ukraine zerbombt hat — die Druschba-Pipeline, die russisches Öl durch die Ukraine nach Ungarn leitet. Die Ukraine hatte sie vier Jahre unangetastet gelassen; nun zerstörte Russland sie selbst. Orbán verlangt, die Ukraine solle die Pipeline reparieren. Die Ukraine hatte damit begonnen, doch eine erneute russische Attacke traf die Baustelle und forderte nach ukrainischen Angaben — die nicht neutral prüfbar sind — Opfer unter den Technikern.

Selenskyj reagierte verärgert: Mit dem Öl verdiene Russland Geld für Waffen gegen die Ukraine; Orbán solle sich in Moskau beschweren. Wörtlich sagte er, die Pipeline sei von Russland zerstört worden, daher könne Orbán finanzielle Unterstützung für Russland blockieren, nicht für die Ukraine — man sei nicht der Grund der Zerstörung. Von der Leyen schlug andere Töne an: Sie dankte Kroatiens Premier Andrej Plenković, der über die Adria-Pipeline Ungarn, die Slowakei und Serbien mit Öl versorge, forderte aber zugleich eine beschleunigte Reparatur der Pipeline.