Neben dem Milliardenkredit stand beim Besuch in Kiew eine zweite Frage auf der Tagesordnung: ob, wann und wie die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird. Die Ukraine strebt seit Jahren in die EU, der Beitrittsprozess läuft. Allerdings ist das Land aktuell noch nicht beitrittsreif: Es muss vor allem die Korruption bekämpfen und seine Rechtsordnung an das EU-Recht (den Acquis communautaire) anpassen.

Trotzdem forderte Selenskyj am Jahrestag in einer remote gehaltenen Rede vor dem Europäischen Parlament — das über einen Beitritt mitentscheiden müsste — ein konkretes Beitrittsdatum. Der Hintergrund dieses Drucks sind die Friedensverhandlungen mit Russland. Inoffiziell gehen inzwischen alle Seiten davon aus, dass die Ukraine im Rahmen einer Friedensregelung Gebiete wird abtreten müssen. Wie viel, ist offen, aber ganz ohne werde es kaum gehen. US-Präsident Donald Trump verlangt das seit Längerem; an die Szene im Weißen Haus, in der er Selenskyj wiederholt „You don't have the cards" entgegenhielt, wird erinnert.

Die voraussichtlichen Zugeständnisse gelten als hart: Die 2014 besetzte Krim dürfte verloren sein, ebenso der südliche Streifen entlang des Asowschen Meeres und Teile des Donbass. Offiziell hält die EU an den völkerrechtlichen Grenzen der Ukraine vor der Invasion inklusive der Krim fest. Inoffiziell, so die Darstellung, tun die EU und auch Deutschland zwar genug, damit die Ukraine den Konflikt nicht verliert — aber die „Koalition der Willigen" tue bei Weitem nicht genug, damit die Ukraine ihn gewinnen kann.

Militärisch wäre ein Zurückdrängen Russlands grundsätzlich denkbar. Recherchiert wurden konkrete Ansätze: russische Bahnlinien und -brücken systematisch zerstören, die Brücke zur Krim über das Asowsche Meer ausschalten oder einen Korridor von der Gegend um Saporischschja Richtung Mariupol zur Küste treiben, um die Krim und westlich gelegene Gebiete abzuschneiden. Dafür müsste man die Ukraine stärker unterstützen — etwa Taurus und ähnliche Marschflugkörper liefern, mehr Geld ausgeben, deutlich aufrüsten. Der Preis ist der Koalition der Willigen offenbar zu hoch, auch weil eine echte militärische Niederlage Putins Macht gefährden könnte und die Folgen schwer kalkulierbar wären.

Bei einem „Land gegen Ruhe"-Konzept gibt es zudem ein verfassungsrechtliches Problem: Die Ukraine kann Staatsgebiet nicht einfach abtreten, das ist in ihrer Verfassung ausdrücklich untersagt. Es bräuchte ein Referendum — und ein solches gilt als kaum zu gewinnen, da Hunderttausende für diese Gebiete gekämpft haben und gestorben sind. Selenskyj sieht daher nur einen Weg, Gebietsabtretungen seinem Volk zu vermitteln: Land gegen EU-Beitritt. Die Logik: Mit der Aussicht auf EU-Mitgliedschaft ließe sich das Referendum gewinnen, dann könnte Land abgetreten werden, und erst dadurch würde ein Friedensschluss mit Russland überhaupt möglich.

Über einen EU-Beitritt entscheidet allerdings nicht die Kommissionspräsidentin allein. Erforderlich sind die Zustimmung aller Mitgliedstaaten im Rat, die Zustimmung des Parlaments sowie die Ratifikation in den einzelnen Staaten — teils per Referendum. In Brüssel wird hinter den Kulissen an kreativen Wegen gearbeitet, etwa an einer „Reverse Membership": Die Ukraine würde Mitglied, zunächst aber nur mit eingeschränkten Mitgliedschaftsrechten, und so schrittweise in die EU hineinwachsen. Von Tag eins an angestrebt würde dabei das militärische Beistandsversprechen, das die EU-Verträge enthalten — vergleichbar mit Artikel 5 des NATO-Vertrags.