Der Deutsche Buchhandlungspreis würdigt seit 2015 die Arbeit von Buchhandlungen, die ein literarisches Sortiment pflegen, Lesungen veranstalten und sich der Leseförderung verschrieben haben — meist inhaber- oder inhaberinnengeführte Läden, die nicht zu den großen Ketten gehören. Der Preis ist mit Preisgeldern von 7.000 bis 25.000 Euro dotiert, finanziert aus dem Etat des Kulturstaatsministers des Bundes, dem wichtigsten staatlichen Topf für die Förderung von Kunst und Kultur in Deutschland. Vergeben wurde er bislang von einer unabhängigen Jury. Verliehen werden sollte er in der kommenden Woche auf der Buchmesse in Leipzig; diese Verleihung wurde auf Geheiß von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer abgesagt.
Für 2026 wählte die Jury 118 Buchläden aus. Weimer ließ diese Liste vom Verfassungsschutz prüfen, ohne die Buchhandlungen zu informieren. Der Geheimdienst meldete Erkenntnisse über drei Buchhandlungen; Weimer strich diese drei aus der Liste. An die betroffenen Läden ging eine Form-E-Mail, die auch alle nicht ausgewählten Läden erhielten und in der es hieß, die Jury habe sie nicht berücksichtigen können — obwohl die Streichung in diesen drei Fällen nicht auf einer Jury-Entscheidung beruhte. Betroffen sind The Golden Shop in Bremen, die Buchhandlung Rote Straße in Göttingen und die Buchhandlung zur schwankenden Weltkugel in Berlin; alle drei hatten den Preis zuvor bereits erhalten und verstehen sich als linke Läden.
Gegen Weimer entstand ein Sturm der Entrüstung mit dem Vorwurf, er habe die Läden aus politischen Gründen gestrichen. Weimer wies das zurück und verwies auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse". Er sagte, man könne keine Institutionen — Buchhandlungen, Verlage oder andere — mit staatlichen Geldern auszeichnen, die verfassungsfeindliche Elemente in sich trügen; dabei sei es egal, ob es um Links- oder Rechtsextremisten oder Islamisten gehe. Welche Erkenntnisse genau vorlägen, könne man nicht sagen, da sie von einem Geheimdienst stammten. Nach Berichten der Süddeutschen Zeitung soll einer der Läden laut Verfassungsschutz dem Umfeld der RAF angehört haben; die als Terrororganisation für den Tod von über 30 Menschen verantwortliche Rote Armee Fraktion erklärte 1998 ihre Selbstauflösung.
Einer der weiterhin auf der Liste stehenden Preisträger, Dennis Hasemann von der Buchhandlung Schmitz in Essen-Werden, gibt nach der Streichaktion seinen Preis für 2025 zurück. In einem offenen Brief an Weimer schreibt er, ein staatlich vergebener Kulturpreis könne nur glaubwürdig sein, wenn seine Regeln klar und verlässlich seien; eine unabhängige Jury einzusetzen und deren Entscheidung anschließend politisch zu korrigieren, widerspreche diesem Prinzip. Es sei nicht hinnehmbar, dass niemand erfahre, was die verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse sein sollen. Mechthild Röttering, Geschäftsführerin der betroffenen Rote Straße in Göttingen, sprach von einer Unverschämtheit und verglich das Vorgehen mit US-amerikanischen Vorbildern, unliebsame Kulturschaffende und politisch Progressive einzuschüchtern.

