Die Grünen haben die Landtagswahl in Baden-Württemberg gewonnen — überraschend, nachdem sie zuvor neun Wahlen in Folge (Bundestag, Europa und sieben Landtagswahlen in dreieinhalb Jahren) verloren hatten, aus der Ampel geflogen waren und bundesweit bei 11 bis 12 Prozent stagnierten.
Die Zahlen: Die Grünen kommen auf 30,2 Prozent der Zweitstimmen (minus 2,4 Punkte). Die CDU legt um 5,6 Punkte zu, landet aber mit 29,7 Prozent knapp dahinter. Die AfD verdoppelt sich auf 18,8 Prozent. Die SPD halbiert sich exakt auf 5,5 Prozent (minus 5,5 Punkte). FDP und Linke sind nicht im Landtag; er besteht nur noch aus vier Fraktionen. Die Grünen erhielten rund 30.000 Stimmen mehr als die CDU, haben aber gleich viele Sitze. Voraussichtlich wird ein Mitglied der Grünen, Cem Özdemir, neuer Ministerpräsident. Die CDU pochte nach der Wahl auf ein „Wahlpatt" und schlug vor, die Amtszeit zwischen ihrem Kandidaten Manuel Hagel und Özdemir aufzuteilen.
Özdemir holte im Herbst noch 14 Punkte Rückstand auf. Als Gründe gelten seine größere Bekanntheit und Erfahrung — er war Bundesminister, Grünen-Chef sowie Parlamentarier in Berlin und im Europaparlament — und sein Auftreten als natürlicher Nachfolger des beliebten bisherigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Der CDU-Gegenkandidat Manuel Hagel ist mit 37 Jahren wenig bekannt und politisch wenig erfahren; je näher der Wahltermin rückte, desto stärker zählte die Person statt der Parteizugehörigkeit. Beide führten einen mittigen Wahlkampf: Özdemir sprach sich etwa dafür aus, das Verbrenner-Aus zu verschieben, während Hagel betonte, man könne Bosch und Mercedes nicht erzählen, die Uhr zehn Jahre zurückzudrehen, die Transformation zur E-Mobilität müsse sein.
Zur Frage, warum die CDU ihren Vorsprung verlor, verweisen ARD-Umfragen auf die Bewertung der Union im Bund: 78 Prozent meinen, sie habe viel versprochen und wenig gehalten; 71 Prozent finden, die Bundesregierung habe zu wenig getan, um Steuern und Abgaben zu senken; 60 Prozent in Baden-Württemberg kritisieren, die CDU vernachlässige die Interessen der Arbeitnehmer. Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp (FU Berlin) warnte im Deutschlandfunk, die CDU habe ihren sozialpolitischen Flügel nicht hinreichend integriert. Auffällig ist auch das AfD-Ergebnis: Migration war kaum Wahlkampfthema, die AfD erreichte im Schnitt nicht einmal 19 Prozent — bei Menschen, die ihre finanzielle Lage als schlecht einstufen, jedoch 41 Prozent, während die Union bei dieser Gruppe nur auf 19 Prozent kam.

