In den vergangenen zwei Wochen hat der Krieg gegen den Iran weiter Fahrt aufgenommen. USA und Israel griffen erneut hunderte bis tausende Ziele an, dabei kamen Zivilisten ums Leben. Iranische Streitkräfte schossen US-Flugzeuge ab; deren Piloten mussten aufwändig gerettet werden. Die Straße von Hormuz ist faktisch geschlossen — nur einzelne Schiffe passierten, mutmaßlich gegen Millionenzahlungen und überwiegend solche der chinesischen Schattenflotte. Der Ölpreis stieg deutlich und befeuerte Nervosität in Europa und den USA.
Zeitgleich machte Israel den Südlibanon südlich des sogenannten Litani-Flusses dem Erdboden gleich, vertrieb die Bevölkerung und zerstörte nicht nur Hisbollah-Stellungen, sondern ganze Gebäudebestände. Offiziell richtet sich das gegen die mit dem Iran verbündete Hisbollah, die wiederholt den Norden Israels beschossen hat.
Die Zwischenbilanz im Iran fällt überschaubar aus: Luftwaffe und Marine sind weitgehend zerstört, waren ohnehin nicht stark. In der iranischen Führung wurde durch gezielte Tötungen ein Generationswechsel erzwungen; nachgerückt sind teils noch radikalere Kräfte. Angereichertes Uran wurde nicht gefunden, der Iran feuert weiter Raketen und Drohnen auf Nachbarstaaten.
Vor allem hat der Krieg ein neues Problem geschaffen: eine geschlossene Straße von Hormuz. Der Iran hat damit einen Hebel entdeckt und bereits vorgeschlagen, künftig eine Art Maut für jedes durchfahrende Schiff zu erheben — dauerhaft und mit Einnahmenteilung mit dem gegenüberliegenden Oman. Die USA hatten vor 47 Jahren, nach der Machtübernahme der Mullahs, zugesichert, die Meerenge notfalls militärisch offenzuhalten. Diese Drohung haben sie nicht eingelöst: Trump griff an, die Straße schloss sich, und die Welt sah, dass Washington das alte Versprechen aktuell nicht durchsetzen kann.
Innenpolitisch geriet Washington unter Druck: Spritpreise stiegen, Midterms rücken näher, der Krieg ist unpopulär, selbst Republikaner begehren auf. Als „kleine Vorwarnung" zerstörten die USA eine Brücke in Teheran. Trump setzte daraufhin ein Ultimatum: Bis Mittwoch, 2 Uhr morgens deutscher Zeit, müsse der Iran die Straße von Hormuz öffnen, sonst würden die USA Brücken und zivile Infrastruktur zerstören. Auf Truth Social kündigte er an, Dienstag werde „Kraftwerkstag" und „Brückentag" im Iran, und schloss: „Öffnet die scheiß Straße, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben, wartet's nur ab, gepriesen sei Allah."
Am Tag des Ultimatums legte Trump nach: „A whole civilization will die tonight, never to be brought back again. I don't want that to happen, but it probably will." — Eine ganze Zivilisation werde noch in dieser Nacht sterben und nie wiederkommen; er wolle das nicht unbedingt, aber wahrscheinlich werde es passieren.
Wenige Stunden später verkündeten die USA überraschend einen 14-tägigen Waffenstillstand. Auslöser soll eine iranische Zehn-Punkte-Liste gewesen sein, die Trump akzeptabel fand; vollständig öffentlich wurde sie nicht. In der Farsi-Fassung steht laut Berichten ein Passus, wonach die USA dem Iran die Urananreicherung ausdrücklich genehmigen — in der englischen Fassung fehlt dieser Punkt. Folgegespräche sollen in Pakistan stattfinden. Die Waffenruhe wackelt bereits, da Israel sich nicht gebunden fühlt und im Libanon weiter angreift, was im Iran auf Ablehnung stößt. Wann und unter welchen Bedingungen die Straße von Hormuz geöffnet wird, was mit dem Uran und den Atomplänen geschieht, ist offen; iranische und US-Angaben widersprechen sich in zentralen Punkten.
Einordnung
Ulf zieht eine ernüchternde Zwischenbilanz: USA und Israel hätten im Iran kaum etwas erreicht. Im Gegenzug habe der Krieg einen neuen Hebel geschaffen — die Straße von Hormuz —, den es vorher nicht gegeben habe. Dass Washington seine 47 Jahre alte Drohung, die Meerenge offenzuhalten, nicht einlösen konnte, hält er für einen offensichtlichen strategischen Verlust. Zum israelischen Vorgehen im Südlibanon sagt Ulf, ein Sicherheitsinteresse gegenüber der Hisbollah sei nachvollziehbar; ob das Niederlegen ganzer Ortschaften und die Vertreibung der Bevölkerung völkerrechtlich noch zu rechtfertigen seien, sei eine andere Frage. Trumps zweiten Truth-Social-Post liest Ulf so, dass dieser nicht nur zivile Kollateralschäden in Kauf nehme, sondern offen drohe, weite Teile der iranischen Bevölkerung auslöschen zu wollen. Angriffe auf zivile Infrastruktur ebenso wie auf die Zivilbevölkerung wären Kriegsverbrechen; dass ein US-Präsident solche in Großbuchstaben auf Social Media ankündige, habe es vorher nie gegeben. Auch der gesamte Krieg sei völkerrechtlich kaum zu begründen; ein 14-tägiger Waffenstillstand auf Basis sich widersprechender Texte sei „mit heißester Nadel gestrickt".
Philip ergänzt die innenpolitische Lesart: USA und Trump seien sichtlich nervös wegen Spritpreisen, Midterms und unpopulärem Krieg. Trumps Tirade interpretiert er nicht als kalkuliertes Drohgebaren, sondern als Übersteuern — Trump habe „180 Puls" gehabt. Den zweiten Post liest Philip unmissverständlich als Drohung mit Völkermord. Er vermisst zudem einen Hinweis Trumps darauf, dass die Straße von Hormuz eine völkerrechtlich geschützte internationale Seestraße ist. Zum Vergleich verweist Philip auf das unter Obama ausgehandelte Atomabkommen: Selbst dieser unvollkommene Deal — Sanktionslockerungen gegen Beschränkung der Urananreicherung unterhalb der Bombenfähigkeit — habe Jahre gebraucht. Demgegenüber wirke das aktuelle Vorgehen unsouverän.
Ulf und Philip sehen den Iran trotz der Zerstörungen als Sieger: Er habe gegen die Supermacht bestanden, sitze in Friedensverhandlungen, feiere sich als Bezwinger des „großen Satans" und habe zusätzlich den Hormuz-Hebel in der Hand. Strategisch verlören die USA diesen Krieg, ihre Kriegsziele erreichten sie nicht. Auf rein machtpolitischer Ebene sei das Vorgehen der USA und Israels eine Pleite — und zugleich völkerrechtlich auf vielen Ebenen extrem problematisch.