Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat in der FAZ einen Gastbeitrag mit dem Titel „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik" veröffentlicht, in dem sie sich zur deutschen Energiewende äußert. Eine zentrale Zahl in dem Text: Der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergiebedarf in Deutschland liege bei knapp einem Fünftel. Tatsächlich sind es laut Transkript 20,8 Prozent. Reiche nennt außerdem den heutigen Primärenergiebedarf Deutschlands mit rund 2.900 Terawattstunden.

Der Gastbeitrag wurde von Malte Kreutzfeldt bei Table.Media und vom Volksverpetzer einem Faktencheck unterzogen. Beide Auswertungen sind in den Show-Notes verlinkt. Die in Reiches Text genannten Zahlen sind nach diesen Prüfungen bis auf Nachkommastellen korrekt.

Zur Einordnung der Zahl unterscheiden die Faktenchecks zwischen Primärenergiebedarf und Endenergie-Nutzung. Primärenergie bezeichnet die Energiemenge, die roh in Gas, Kohle oder Strom steckt, bevor sie genutzt wird. Bei fossilen Anwendungen geht ein erheblicher Teil dieser Primärenergie als Verlust verloren: Eine Gasheizung erreicht je nach Einstellung etwa 70 bis 80 Prozent Wirkungsgrad, der Rest entweicht durch den Schornstein. Ein Verbrennungsmotor im Auto setzt nur rund 50 Prozent oder weniger der Primärenergie in Bewegung um; Kritiker veranschlagen unter Einbezug von Bremsverlusten teils nur 25 Prozent. Eine Wärmepumpe schafft demgegenüber einen Faktor von 3 bis 4 — also 300 bis 400 Prozent Effizienz bezogen auf die eingesetzte elektrische Energie. Bei Elektroautos kommt zusätzlich die Rekuperation hinzu.

Aus dieser Effizienz-Differenz folgt: Je mehr Wärmepumpen und E-Autos eingesetzt werden und je mehr Erneuerbare den fossilen Bestand ersetzen, desto stärker sinkt der Primärenergiebedarf insgesamt. Laut Malte Kreutzfeldt wird der Primärenergiebedarf von heute rund 2.900 Terawattstunden bei vollständiger Dekarbonisierung drastisch sinken — in eine Größenordnung von etwa tausend bis wenige tausend Terawattstunden. Kreutzfeldt schätzt, dass etwa Faktor 2,5 an erneuerbarer Energie gegenüber heute ausreicht, um den künftigen Bedarf zu decken.

Einordnung

Ulf bewertet den Gastbeitrag als irreführend und erhebt explizit den Vorwurf der Lüge. Er stützt sich dabei auf den Faktencheck von Malte Kreutzfeldt bei Table.Media und auf den Beitrag des Volksverpetzers. Ulf räumt ein, dass die Zahlen in Reiches Text bis auf Nachkommastellen stimmen. Sein Vorwurf richtet sich auf den Eindruck, den die Ministerin durch den Kontext erzeuge: Wer die Aussage „nur knapp ein Fünftel" liest, schließe daraus, dass noch fünfmal so viel Erneuerbare wie heute gebraucht würden, dass die Energiewende also ein „dickes Brett" sei, das man niemals stemmen könne. Genau dieser Schluss sei aber falsch, weil er die fossilen Umwandlungsverluste ausblende. Faktor 2,5 statt Faktor 5 bedeute, dass man bei der Dekarbonisierung bereits „fast Halbzeit" habe. Ulf hält es für ausgeschlossen, dass eine Energieministerin diesen Zusammenhang nicht kenne; sie sei lange genug im Amt. Reiche schreibe den falschen Schluss zwar nicht explizit hin, lege ihn ihren Leserinnen und Lesern aber durch den Kontext nahe. Ulf bezeichnet das als „zutiefst unseriös" und für eine Ministerin „untragbar". Er ordnet den Punkt zudem in ein wiederkehrendes Muster ein: Diese Argumentation habe er bereits öfter gehört, insbesondere von Unionspolitikerinnen und Unionspolitikern.

Philip erläutert den argumentativen Mechanismus: Die Aussage „20 Prozent Anteil am Gesamtenergiebedarf" impliziere, dass man fünfmal mehr Erneuerbare brauche, um den Energiebedarf zu decken — nach 30 Jahren EEG sei man also angeblich erst bei 20 Prozent. Genau diese Schlussfolgerung greife aber nicht, weil die 80 Prozent fossile Primärenergie zu großen Teilen als Verlustwärme in die Umwelt gingen und nicht als nutzbare Energie ankommen. Philip stellt klar, dass er die nominellen 20,8 Prozent nicht für falsch hält, sondern die kontextuelle Einbettung kritisiert. Den Vorwurf der Lüge trägt Ulf zugespitzt vor; Philip strukturiert die Analyse und ordnet die einzelnen Effizienz-Verluste bei Heizung und Verbrenner ein.