Die gesetzliche Krankenversicherung steht vor einer Finanzierungslücke von 15 Milliarden Euro im kommenden Jahr. Ohne Gegenmaßnahmen würde dieses Defizit bis 2030 auf rund 40 Milliarden Euro anwachsen – mit der Folge weiter steigender Krankenversicherungsbeiträge. Eine zehnköpfige Experten- und Expertenkommission hatte zur Reform des deutschen Gesundheitssystems 66 Vorschläge vorgelegt; die Kommission hielt damit Einsparungen von 43 Milliarden Euro pro Jahr für möglich.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat das Reform-Paket nun aufgegriffen. Nach ersten Äußerungen, sie wolle den Vorschlagskatalog als „Werkzeugkasten" nutzen und sich daraus bedienen, hat sie ihre Strategie offenbar geändert und will den Werkzeugkasten weitgehend ins Kabinett tragen. Konkret kündigte sie an, 50 der 66 Vorschläge umzusetzen. Das angestrebte Einsparvolumen liegt bei 20 Milliarden Euro pro Jahr und damit deutlich unter den von der Kommission als möglich bezeichneten 43 Milliarden.
Am 29. April soll die Reform ins Kabinett eingebracht werden; bis zum Sommer soll sie Bundestag und Bundesrat passieren. Ziel ist, die Krankenversicherungsbeiträge im kommenden Jahr mindestens zu stabilisieren. Warken stellte die Eckpunkte gestern in einer Pressekonferenz mündlich vor; ein schriftliches Papier legte sie nicht vor. Nach ihren Angaben sollen alle Beteiligten im Gesundheitssystem einen Beitrag leisten. Zentrale Leitlinie sei, dass Steigerungen von Preisen und Vergütungen an die Einnahmen der Kassen gekoppelt werden. Warken sagte, man könne nicht mehr Geld ausgeben als man einnehme. Der Entwurf geht nun in die Ressortabstimmung, in der sich noch einiges bewegen dürfte.
Kritik kommt bereits aus Krankenhäusern, Ärzteschaft und Opposition. Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen, schreibt zu den Eckpunkten, Ministerin Warken verlagere die Last der Stabilisierung überproportional auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber, während sie sich auf der Ausgabenseite nicht traue, sich mit einflussreichen Lobbys anzulegen. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, sagt dem Spiegel, es fehle ein Gegengewicht zur Pharmaindustrie: Die Krankenkassen hätten in den Diskussionen mit der Industrie keinen „gleich langen Hebel", um vernünftige Preise festzusetzen, und der Politik fehle oft der Mut.

