Deutschland fördert selbst kaum Rohöl: 98 Prozent werden importiert. 2025 kam das meiste Öl aus Norwegen (17 Prozent), gefolgt von den USA (16 Prozent), Libyen (14 Prozent), Kasachstan (14 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (12 Prozent). Die Bezugsquellen sind damit relativ gleichmäßig verteilt, einen dominierenden Einzellieferanten wie früher Russland beim Gas gibt es nicht. 2021 sah das Bild noch völlig anders aus: Damals lieferte Russland einen sehr großen Anteil. Auffällig ist, dass die Golfstaaten in der deutschen Rohöl-Versorgung kaum eine Rolle spielen. Deutschland bezieht praktisch kein Rohöl aus dem Iran, ist also von einer physischen Knappheit dort nicht direkt betroffen. Der Krieg am Golf senkt jedoch das globale Angebot und treibt darüber auch in Deutschland die Preise nach oben, selbst wenn das hiesige Öl nicht aus der Region kommt.

Für die Verwendung der Mineralölprodukte liegen Zahlen aus dem Jahr 2024 vor. Diesel macht mit 35 Prozent den größten Anteil aus, Benzin für Autos kommt auf 19 Prozent. Über die Hälfte der in Deutschland verbrauchten fossilen Brennstoffe – 54 Prozent – wird damit in Verbrennungsmotoren von Autos verbrannt. Der Rest verteilt sich auf Rohstoffe für die Industrie, Heizöl und Kerosin. Auf Kerosin entfallen rund 10 Prozent des fossilen Brennstoffverbrauchs in Deutschland.

Beim Kerosin liegt das Problem nicht in der Gesamtmenge, sondern in den Bezugsquellen. Auch in Deutschland stellen Raffinerien Kerosin aus Rohöl her, sie decken aber nur rund die Hälfte des Bedarfs, knapp 4,85 Millionen Tonnen. Ein erheblicher Teil des Verbrauchs kommt bereits als fertiges Kerosin ins Land, zu einem beachtlichen Anteil aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Genau dieser Teil fehlt nun durch die angespannte Lage am Golf.

Chemisch liegt Kerosin nah an Diesel und Heizöl. Naheliegend wäre daher, dass die deutschen Raffinerien ihre Produktion umstellen und den Ausfall kompensieren. Der Spiegel hat dazu recherchiert: Früher haben die deutschen Raffinerien tatsächlich mehr Kerosin hergestellt. Während der Corona-Krise, als weniger Flugzeuge unterwegs waren und der Kerosin-Bedarf einbrach, wurde die Produktion zugunsten anderer Fossil-Produkte umgestellt, insbesondere Diesel und Heizöl. Nun bräuchte es eine Reaktion in die andere Richtung. Thomas Pult vom Institut der Deutschen Wirtschaft dämpft die Erwartungen: Eine Anpassung der Raffinerie-Produktion sei zwar in Maßen möglich, die Flexibilität aber stark eingeschränkt. Der Branchenverband der Raffinerien, en2x, bestätigt gegenüber dem Spiegel eine Verschiebung innerhalb der Produktionspalette hin zu mehr Flugkraftstoff. Eine größere Umstellung sei aus technisch-chemischen Gründen nur bedingt möglich. Die vorhandenen Möglichkeiten würden von den Raffinerien wahrgenommen. Konkrete Angaben dazu, um wie viel Prozent oder wie viele Tonnen die Kerosin-Produktion bereits ausgeweitet wurde, machte der Verband nicht. In Deutschland melden die Flughäfen die Versorgungslage bislang als unauffällig. In Italien und Spanien gab es bereits einzelne Situationen, in denen Flugzeuge stundenlang nicht betankt werden konnten.

Einordnung

Ulf sieht in der Tatsache, dass die Hälfte des Rohöls in Deutschland schlicht durch den Auspuff von Verbrennern geht, eine gigantische Verschwendung. Zugleich biete das eine enorme Perspektive: Allein durch eine konsequente Umstellung auf E-Autos lasse sich der Rohöl-Import grob um die Hälfte reduzieren.

Ulf ist zudem skeptisch, wie groß das Interesse der Raffinerien an einer Ausweitung der Kerosin-Produktion wirklich ist. Eine Umstellung würde zunächst Investitionen in die Raffinerien voraussetzen. Hartnäckig hielten sich aber Berichte, dass Konzerne deutsche Raffinerien eher verkaufen wollten. Außerdem verdiene man an den hohen Kerosin-Preisen ohnehin gut. Bei den vagen Äußerungen des Branchenverbands und ohne konkrete Mengenangaben hat Ulf Zweifel am Tempo der Umstellung. Wie es um die Versorgungslage stehe, sei nicht völlig klar.

Philip verweist darauf, dass es zu kurz greife, nur auf Deutschland zu schauen: Ein Ferienflieger, der aus Düsseldorf nach Mallorca starte, dort aber stranden würde, weil in Spanien Kerosin knapp ist, helfe niemandem. Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt forderte im ZDF eine europäische Lösung. Nationale Regelungen ergäben im Binnenmarkt keinen Sinn, nur europäisch lasse sich sinnvoll priorisieren, damit im Zweifel der Medizinflieger vor dem Ballermannflieger betankt werde.

Philip stellt einen Vorschlag der Ökonomin Isabella Weber vor, der in dieselbe Richtung weist. Weber fordert in einer Kolumne im Wirtschaftsmagazin Surplus eine Art Einkaufskartell: Die Importländer sollten sich zusammentun und Rohöl gemeinsam einkaufen. Während der Corona-Pandemie habe es das bereits bei Impfstoffen und Masken gegeben. Webers Argument: Nur gemeinsam hätten die Importländer die nötige Marktmacht, um die Preise zu drücken und die Monopolgewinne der Ölkonzerne zu reduzieren.

Ulf ergänzt, dass Weber das nicht nur auf Kerosin beziehe, sondern auf den Rohöl-Einkauf insgesamt. Es wäre quasi ein Gegenkartell zur OPEC. Auf der Nachfrage-Seite solle im Grunde dieselbe Logik durchgezogen werden wie auf der Angebots-Seite.

Ulf verweist abschließend darauf, dass eine solche konsistente Krisen- und Reformpolitik eine handlungsfähige deutsche Regierung voraussetze. Mit Blick auf den Streit zwischen Klingbeil und Reiche und auf den Kanzler stellt er fest, der Fisch könnte vom Kopf her stinken: Es brauche jemanden, der an der richtigen Stelle die Richtung vorgebe – und der das auch clever kommuniziere.