Seit Wochen verfolgt eine große Öffentlichkeit das Schicksal eines Buckelwals, der sich vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns auf einer Sandbank festgesetzt hat. In den sozialen Netzwerken trägt das Tier Namen wie „Timmy" oder „Hope". Am Montag konnte sich der Wal kurzzeitig freischwimmen, setzte sich danach aber erneut auf einer Sandbank fest. Zu denjenigen, die vor Ort beim Wal sind, gehört die 58-jährige Taucherin Nicola aus München, die berichtet, sie sei zum Wal hingefahren, sei sogar von einer Fähre ins Meer gesprungen, um ihm körperlich nahe zu sein. Sie schildert, sie habe Walgesänge nachgeahmt, das Tier habe mit Fontänen reagiert.

Politisch bekam der Fall eine zweite Dimension, als der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), zunächst zum Symbol eines vermeintlich zaudernden, herzlosen Staates wurde. Er bekam laut Bericht in der Lage sogar Morddrohungen von Menschen, die meinten, er tue zu wenig für den Wal. Ende vergangener Woche kündigte Backhaus dann eine Kehrtwende und einen finalen Rettungsversuch zugunsten des Wals an. Vor laufender Kamera fiel ihm daraufhin eine Demonstrantin um den Hals und küsste ihn.

Parallel zu diesen Ereignissen demonstrierten in Deutschland nach den in der Lage genannten Zahlen vor wenigen Tagen 80.000 Menschen für mehr Klimaschutz. Zeitgleich plant die Bundesregierung Schritte in die andere Richtung: einen Tankrabatt für Verbrenner, die Abschaffung des Heizungsgesetzes und Kürzungen bei der Basisabsicherung der Rente. Über ein Tempolimit, das laut Bericht in der Lage von einer Mehrheit gewünscht ist, wird nicht einmal mehr verhandelt. Im Sommer hatte zudem die Kampagne gegen die mögliche Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf gezeigt, wie eine Mobilisierung weniger Akteure die Unionsfraktion in Bewegung bringen konnte.

Einordnung

Ulf und Philip lesen das Phänomen rund um den Wal als Ausdruck eines breiten gesellschaftlichen Befunds: ein Wunsch nach Selbstwirksamkeit. Sie deuten Nicolas Aussage „Wir haben die Macht. Wir sind Menschen" als zentralen Satz, der die Emotionen vieler Menschen widerspiegele. Bei großen Themen wie Iran-Krieg, Klima, Rente oder Wartezeiten erlebten sich Menschen als ohnmächtig. Der Wal hingegen sei ein konkretes Projekt ohne Dilemma und ohne Ambiguitäten: Niemand wolle, dass das Tier sterbe; wer es rette, werde zum Helden. Diese Konstellation, so die Hosts, mache das Geschehen so anziehend und erkläre die starke Anteilnahme von Millionen.

Ulf kritisiert vor diesem Hintergrund einen strukturellen Mangel der deutschen Politik. Aus seiner Sicht sei die repräsentative Demokratie zu abgehoben und schaffe es nicht mehr zuverlässig, das, was die Menschen wirklich bewegt, in die Politik zu tragen. Aus der Perspektive der Selbstwirksamkeit sei es fatal, wenn Menschen wählten, demonstrierten und an Umfragen teilnähmen, die Politik aber trotzdem in die entgegengesetzte Richtung gehe. Auf die Frage, warum der Bundesregierung Klimaproteste, Renten- und Tempolimit-Mehrheiten so wenig auszumachen schienen, lautet seine These: Es gebe zu diesen Themen keine extremistische Partei, die Druck mache. Die AfD selbst demonstriere kaum, sei aber durch andere Hebel extrem einflussreich und habe ihre Politik im Bereich Migration weitgehend durchgesetzt. Problematisch seien aus seiner Sicht die demokratischen Parteien, die glaubten, AfD-Themen und AfD-Ideen kopieren zu müssen, was dem Land schade und die AfD stärke.

Philip ergänzt diesen Befund um einen zweiten Strang: Aus seiner Sicht orientiere sich die Union zu stark am Einfluss von Lobbygruppen. Er verweist auf den Fall Katherina Reiche und befürchtet ähnliche Konstellationen bei einer kommenden Gesundheitsreform. Ulf ergänzt Beobachtungen zur Rente und zu Reden vor dem Bankenverband. Beide formulieren als Zwischenfazit, dass die Union mehr Angst vor den Lobbygruppen und vor der AfD habe als vor der Wählerschaft und weniger in den Blick nehme, was die Menschen wollten.

Philip und Ulf sehen einen weiteren Treiber in einer verzerrten Wahrnehmung von Bundestagsabgeordneten. Viele Unionsleute hingen weiterhin auf X ab, das längst eine Art Online-Stammtisch der AfD und sogenannter Wutbürger sei. Wer seine Timeline dort zur persönlichen Demoskopie mache, sei auf dem Holzweg. Hinzu komme, dass Rechtsextreme vor Ort im Wahlkreis besonders gut Stimmung machten — die Debatte um Brosius-Gersdorf habe wie unter einem Brennglas gezeigt, wie eine Kampagne weniger Extremisten die Unionsfraktion in Bewegung gebracht habe.

Als praktische Konsequenz schlagen Ulf und Philip vor, die Wirklichkeitswahrnehmung der Abgeordneten gezielt zu verändern. Briefe an Bundestagsabgeordnete blieben wichtig, daneben empfehlen sie den Besuch von Bürgersprechstunden. Dort könne man dem Mitglied des Bundestags direkt sagen, was einen wirklich umtreibe — etwa: kein Problem mit Gendern, aber große Probleme mit dem Ausbremsen der Energiewende, dem Wunsch nach bezahlbaren E-Autos und einer auskömmlichen Rente. Philip beschreibt die Wirkungskette: Wenn sich in Fraktionssitzungen mehrere Abgeordnete melden und berichten, dass ihnen in der Bürgersprechstunde nicht nur stereotype „Latzhosenträger mit Birkenstocks" begegnet seien, sondern „Leute wie du und ich", verändere das die interne Lage stärker als Online-Empörung, die einfach verpuffe. Ulf formuliert den Anspruch dahinter: Es müsse möglich sein, gegenüber der Dauerbestrahlung durch Lobbyistinnen, durch X und durch Rechtsextreme einen Gegenwert zu setzen.

Die Hosts laden die Hörerschaft ein, eigene Erfahrungen beizutragen: Wie haben sie schon einmal ein Mitglied des Bundestags beeinflusst — per Demo, Brief, persönlichem Treffen oder Bürgersprechstunde? Beiträge erbittet die Lage als Sprachnachricht über Signal an die Nummer 0157 9238 2136.