Der Unternehmer Marco Scheel hat auf seinem Produktionsbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern eine PV-Anlage mit 95 Kilowatt Peak installiert, deutlich mehr als die typischen 10 bis 13 kW auf einem Einfamilienhaus. Netto-Investition: 85.000 Euro. Die Anlage ging im Mai des Vorjahres in Betrieb und sparte bis Dezember durch vermiedenen Netzbezug 17.000 Euro – rund 20 Prozent Rendite. Scheel zahlt 35 Cent pro Kilowattstunde, was für ein Gewerbe hoch ist. Selbst bei halbiertem Strompreis bliebe die Rendite zweistellig.
Hinzu kommt: Wer einmal investiert hat, hat für rund 20 Jahre einen garantierten Strompreis für den Eigenverbrauch – faktisch null. Umgelegt liegen die Stromgestehungskosten bei wenigen Cent, der laufende Bezug kostet aber nichts. Das schafft Planungssicherheit in Krisenzeiten.
Eine PV-Anlage ist laut Christoph Kost vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme typischerweise die erste Investition in eine umfassendere Elektrifizierung. Wenn Strom faktisch kostenlos ist, lohnen sich Wärmepumpen, Kühlung und E-Autos. Scheel hat drei E-Autos geleast, die mit dem PV-Überschuss geladen werden. Umgelegt entstehen Stromkosten von 4 bis 6 Cent pro Kilowattstunde – unter einem Euro pro 100 Kilometer. Ein Verbrenner mit 8 Liter Verbrauch kostet aktuell 14 bis 16 Euro auf 100 Kilometer.
Mitarbeitende dürfen am Firmensitz steuerfrei laden, das ist kein geldwerter Vorteil. Eine Pendlerin mit 15.000 Kilometern Jahresfahrleistung, die sonst für 40 Cent pro Kilowattstunde lädt, spart so rund 1.000 Euro pro Jahr.
Trotzdem bleibt die Verbreitung begrenzt. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sind Stand April 2026 gut 400.000 Gebäude-PV-Anlagen von Unternehmen registriert, betrieben von rund 220.000 Unternehmen, darunter auch Energieversorger. Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen kommt 2025 zu dem Ergebnis, dass auf rund 19 Prozent der Dächer deutscher Gewerbe- und Logistikimmobilien Photovoltaik installiert ist (Unschärfe plus/minus drei Prozentpunkte). Auf rund 80 Prozent der Flächen gibt es keine PV.
Genannte Gründe: Erstens fehlende Management-Aufmerksamkeit. Planung und Umsetzung kosten Zeit und Personal und konkurrieren mit Digitalisierung, Produktion und Logistik. Zweitens wirtschaftliche Verunsicherung über Strompreise, Vergütungen und Zinsen. Die grüne klimapolitische Sprecherin Lisa Badum führt zusätzlich die Debatte um Pläne der Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche an, die bei Unternehmern den Eindruck erweckten, die Energiewende werde ausgebremst. Drittens das Dach selbst: Der BDEW verweist auf Traglast, Verschattung und ungünstige Ausrichtung. Maxeon Solar nennt strukturelle Mängel an alten Dächern sowie Fenster und Rohre, die die Montage behindern. Viertens Netzanschlüsse: In einigen Regionen ist der Zugang stark begrenzt, im schlimmsten Fall wird die Einspeisung wegen Netzsättigung verschoben oder abgelehnt. Reiche will das Recht auf Netzanschluss zudem relativieren. Fünftens ungeklärte Eigentumsverhältnisse bei gemieteten Hallen. Sechstens die Integration in ein Gesamtsystem, also Eigenverbrauch zu maximieren.
Auf die Frage nach regulatorischen Hürden verweist Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, darauf, die Einspeisevergütung dürfe nicht gesenkt werden – Eigenverbrauch sei das Optimum. Konkrete Gesetze, die Gewerbe-PV verhindern, nennt er nicht. Auch Christoph Kost bestätigt: Falsche Gesetze und Bürokratie seien nicht das Hauptthema.
Eigenverbrauch lohnt am stärksten, weil eingesparte Stromkosten höher sind als Einspeisevergütungen. Bei Scheel dient eine 60 Zentimeter starke, thermisch aktivierte Betonplatte als Wärmespeicher, die Wärmepumpen laufen synchron zur PV-Leistungskurve. Drei Tage Heizleistung lassen sich so puffern. Wer den Aufwand scheut, kann auf Alternativen ausweichen: Direktlieferung an Nachbarn, Direktvermarktung, Anlagenmiete oder Contracting mit fixem Strompreis und Dachpacht. Niedersachsen verlangt auf Neubauten ab 50 Quadratmetern mindestens 50 Prozent PV-Belegung, Bayern auf gewerblichen Neubauten generell eine Solaranlage.
Einordnung
Scheels Position
Scheel weist Badums These, die Reiche-Pläne wirkten sich negativ auf Investitionsentscheidungen aus, deutlich zurück: „Schwachsinn, das beleidigt unsere Intelligenz als Unternehmer." Er entscheide nicht nach der Mentalität der Ministerin, sondern nach Wirtschaftlichkeit. Den fehlenden Schritt vieler Mitbewerber führt er auf etwas anderes zurück: Viele schafften es nicht, die PV-Anlage in ein Gesamtsystem zu integrieren.
Ulf und Philip sehen Gewerbe-PV ökonomisch als No-Brainer für die meisten Betriebe. Eine Pflicht wäre eigentlich nicht nötig, trotzdem bleibt die installierte Leistung weit unter dem Potenzial.
Philip hält die Integration in ein elektrifiziertes Gesamtsystem für den zentralen Punkt. Regulatorische Hürden seien gering, aber Planung und Organisation binden Ressourcen. Parallel müsse viel mehr elektrifiziert werden, um den Eigenverbrauch zu maximieren. Er zieht eine Parallele zu Wärmepumpen und E-Autos: Techniken, die besser seien als der Verbrenner und sich lohnten – trotzdem zögerten viele. Das größere Problem sei mental: Funktioniert das wirklich, oder ist es nur grünes Geschwafel? Genau deshalb sei destruktives Angstgerede über die Energiewende toxisch – es räume Ängste nicht aus, sondern verstärke sie.
Ulf beschreibt einen Selbstverstärkungseffekt: Wer einmal mit PV angefangen habe, sehe ständig neue Potenziale – Wärmepumpe, Klimaanlage, Batteriespeicher, irgendwann Stromtrading. Philip ergänzt die Mitarbeitendenperspektive: Eine Ladesäule auf dem Hof sei ein „Riesenplus", weil Beschäftigte ein Auto faktisch kostenfrei fahren könnten. Solche Boni seien oft attraktiver als 50 Euro mehr Gehalt. Diese psychologische Wirkung hätten nicht alle Unternehmer auf dem Zettel.