Deutschland bewirbt sich erneut um Olympische Spiele — möglich sind 2036, 2040 oder 2044. Das IOC legt das Jahr nicht mehr vorab fest, sondern nimmt Bewerber in einen Pool auf; weil Deutschland infrastrukturell weit ist, käme 2036 in Frage. Seit 1972 gab es sieben gescheiterte deutsche Bewerbungen; Spiele fanden hierzulande 1936 in Berlin und 1972 in München statt.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) entscheidet bis Herbst über die Kandidatenstadt. Im Rennen sind Berlin, Hamburg, München und Köln-Rhein-Ruhr. In München und Rhein-Ruhr stimmten je rund zwei Drittel zu, Hamburg stimmt am 31. Mai ab. Berlin hat aus verfassungsrechtlichen Gründen keinen Bürgerentscheid; eine Tagesspiegel-Umfrage ergab dort 67 Prozent Ablehnung, NOlympia sammelt Unterschriften für ein Volksbegehren. Die Bundesregierung unterstützt; CDU dafür, SPD vorsichtig positiv, Grüne gespalten, Linke dagegen, AfD skeptisch. DOSB-Ressortleiter Olympiabewerbung ist Stephan Brause.
Die Kosten zerfallen in zwei Blöcke. Das OCOG-Budget (Organisation, Durchführung) finanziert sich aus Tickets, Lizenzen, Sponsoren und IOC-Beitrag; in Paris 2024 rund 4,5 Milliarden Euro, IOC-Beitrag 1,7 Milliarden — 95 Prozent ohne staatliches Geld, 5 Prozent schoss der Staat nach. Deutschland rechnet ähnlich. Das non-OCOG-Budget (Sicherheit, Polizei, Medizin, Sportstätten, Verkehr) trägt die öffentliche Hand. Der französische Rechnungshof beziffert die öffentlichen Ausgaben für Paris 2024 auf 6 bis 6,6 Milliarden Euro ohne bleibende Infrastruktur; Regierungs-Think-Tank und Organisationskomitee rechnen mit einem Plus von 750 Millionen. Bewerbungskosten kommen hinzu: innerdeutscher Wettbewerb über 30, teils 50 Millionen, IOC-Bewerbung weitere 20 bis 40. Hamburg gibt 8,8 Millionen, Berlin 6 Millionen nur für die Vorbewerbung an — bei 70 Milliarden Schulden und 6 Millionen Zinsen täglich.
DOSB-Auswahlkriterien sind Machbarkeit, Nachnutzung, Akzeptanz. München hat Erfahrung, hohe Akzeptanz und 95 Prozent bestehende Anlagen samt Olympiapark. Rhein-Ruhr verteilt sich auf rund 17 Städte mit Köln im Zentrum. Berlin hat Infrastruktur und Weltstadt-Profil, aber niedrige Zustimmung. Hamburg lehnte 2015 ab; ein neues Multifunktionsstadion ist eingeplant. International konkurrieren vor allem Indien und Katar. Das IOC verlangt seit der Vergaberechtsreform Nachhaltigkeit, möglichst keine Neubauten und gesicherte Nachnutzung — Reaktion auf „weiße Elefanten" wie Athen 2004 oder Rio 2016; ein Reise- und Bewirtungsverbot für IOC-Mitglieder soll Bestechung erschweren.
Recherchiert hat Anja Nehls aus dem Lage-Team. Sie sprach mit Wolfgang Maennig (Wirtschaftswissenschaftler Uni Hamburg, Olympiasieger Rudern 1988), Christoph Harting (Diskuswerfer, Gold Rio 2016, NOlympia Berlin) und Gabriele Hiller (frühere sportpolitische Sprecherin Linke, Berliner Abgeordnetenhaus). Ein O-Ton stammt von Erik Flügge (Politische Kommunikation, Uni Darmstadt) aus dem Deutschlandfunk.
Einordnung
Nehls' Position
Nehls bewertet die Bewerbung positiv, sieht Olympia aber nicht als Geschäft. Laut Maennig sehen 90 bis 95 Prozent der Ökonomen keine nachweisbaren BIP-, Steuer-, Beschäftigungs- oder Tourismus-Effekte. London 2012 hatte im Olympia-Quartal 300.000 Touristen weniger; Berliner und Münchner Hotels waren zur Fußball-WM 2006 zwölf Prozent geringer ausgelastet. Kurzfristig steigen Bau und Beschäftigung, langfristig gemischt — Barcelona 1992 als Positivbeispiel.
Infrastruktur- und Stadtentwicklungseffekte sind real: Münchner U-Bahn, Queen Elizabeth Olympic Park (London, 250 Hektar Industriebrache), in Paris 500 Millionen Verkehrsinfrastruktur, 415 zusätzliche Kilometer Radwege und die renaturierte Seine. Am Wohnungsmarkt überwiegen Gentrifizierung und steigende Mieten. Nachnutzungsversprechen (ein Drittel Sozialwohnungen Paris, 50 Prozent bezahlbares Wohnen London) wurden nur teilweise eingelöst. Harting beschreibt für Rio Korruption, verfallene Sportanlagen, zugeschüttete U-Bahn-Schächte und das „Wegkehren" Obdachloser; ähnliches in Paris, für Los Angeles 2028 angekündigt.
Spitzensport profitiere klar; der Breitensport könne profitieren, wenn — wie Maennig skizziert — rund 100 Turnhallen wettkampffähig hergerichtet würden. Hartings Positivbeispiel: London baute sein Leistungssportsystem über acht Jahre neu auf. Aus München 1972 blieb die Stiftung Deutsche Sporthilfe; Berlin baute zur Bewerbung 2000 Velodrom und Schwimmhalle. Image- und Tourismuseffekte hält Nehls für möglich, aber schwer von Trends zu trennen. Für London 2012 belegen Studien einen halbjährigen Feel-Good-Effekt.
Den innerdeutschen Wettbewerb sieht Nehls kritisch. Sie referiert Brauses Pro-Position (Wettbewerb verbessere Konzepte und löse sportpolitische Projekte aus — Sportstättenprogramme Hamburg, Sportgesetz Bayern, Sport-Infrastruktur NRW) und Hillers Gegen-Position (das Geld sei in verschuldeten Haushalten besser anderswo aufgehoben). Favorit ist München; Deutschland traue man die Ausrichtung zu, trotz Stuttgart 21 und BER. Vorbild ist Paris.
Ulf ordnet Olympia historisch ein: 1936 in Berlin als Nazi-Propagandashow, 1972 in München als „Spiele der Freude" bis zum palästinensischen Anschlag auf das israelische Olympia-Team — München profitiere bis heute von U-Bahn und Olympischem Dorf. Seine Bilanz: Selbst wenn die Durchführung plus-minus null ende, blieben vier bis sechs Milliarden Minus an Steuergeld. Olympia müsse sich eine Gesellschaft „gönnen wollen" — analog Flügges Urlaubs-Vergleich.
Philip rahmt die Leitfrage: Ist Olympia ökonomisch und gesellschaftlich sinnvoll, oder belastet das Mega-Event Städte und Steuerzahlende mit Milliarden? Und ergibt der innerdeutsche Wettbewerb Sinn, der Städte zu Konkurrentinnen macht? Mit Blick auf das drohende Volksbegehren in Berlin nennt Philip dieses einen „totalen Killer" für eine Berliner Bewerbung — ein Punkt, dem Nehls zustimmt.