Auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius hat sich eine Variante des Hantavirus verbreitet — Stand aktuell elf Infizierte und drei Tote. Die Passagiere sind evakuiert und teils in Quarantäne; die Inkubationszeit beträgt sechs bis sieben Wochen. Zur Einordnung spricht die Lage mit Kai Kupferschmidt, Science-Korrespondent und Co-Host des Podcasts „Pandemia".
Hantaviren bilden eine große Virusgruppe. Altwelt-Hantaviren (entdeckt im Koreakrieg, in Deutschland etwa Puumala) werden von Nagetieren übertragen, verbreiten sich nicht von Mensch zu Mensch und haben eine Todesrate um ein Prozent oder weniger. 1993 wurden beim Ausbruch in der US-Four-Corners-Region die ersten Neuwelt-Hantaviren entdeckt; sie befallen Herz und Lunge. 1995 wurde in Argentinien das Anden-Virus identifiziert — die Variante des Hondius-Ausbruchs. Schon 1996 zeigte sich, dass dieses Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, was bei Hantaviren bis dahin unbekannt war. Die Sequenz des Schiffs-Virus zeigt keine Abweichung; Folgefälle bei Personen ohne Schiffsbezug gibt es bislang nicht.
Pandemievertrag der WHO: Im Dezember 2021 beschlossen die Mitgliedstaaten Verhandlungen über ein verbindliches Vertragswerk; im April 2025 wurde ein rund 30-seitiger Vertrag verabschiedet (u.a. zu frühzeitigem Impfstoffzugang, Schutz vor Harassment, Risikominimierung). Ausgeklammert wurde das Pathogen Access and Benefit Sharing (PABS) — der Vertrag tritt erst in Kraft, wenn dieses Zusatzabkommen vereinbart ist; die jüngste Deadline wurde gerissen. PABS soll regeln, dass Länder, die Sequenzen eines neuen Erregers teilen, Zugang zu daraus entwickelten Impfstoffen und Medikamenten erhalten: zehn Prozent kostenlos an die WHO für ärmere Länder, bis zu zehn weitere Prozent zu niedrigem Preis. Vor allem Länder mit großer Pharmaindustrie — etwa Deutschland — taten sich schwer damit. Parallel werden Mittel für globale Gesundheit in den USA, Deutschland, Großbritannien u.a. gekürzt; weltweit verlieren viele Menschen Zugang zu HIV-Medikamenten. Die Hondius fuhr unter niederländischer Flagge, startete in Argentinien, ließ Passagiere auf Ascension Island von Bord und endete in Spanien; an Bord waren Menschen aus 23 Ländern.
Einordnung
Kupferschmidts Position
Kupferschmidt sieht im Hondius-Ausbruch kein Pandemierisiko: 30 Jahre Erfahrung mit dem Anden-Virus, sehr seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragung, keine Abweichung von Sequenz oder Verhalten. Warum es auf dem Schiff stärker zu Übertragungen kam, ist offen. Eine Mutation hin zu höherer Übertragbarkeit sei denkbar, aber nicht zu erwarten.
Zur globalen Pandemievorsorge stellt Kupferschmidt fest: Die Welt stehe schlechter da als Anfang 2020. Er unterscheidet Früherkennung/Verhinderung von Reaktion nach globaler Ausbreitung. In der ersten und wichtigeren Stufe sieht er zwei Probleme. Erstens die fast überall sinkenden Mittel für globale Gesundheit: Ob ein kleiner Ausbruch etwa in Liberia auffällt und eingedämmt wird, hänge an lokaler Diagnostik und Gesundheitsversorgung; auch der HIV-Medikamentenzugang sei pandemierelevant, weil chronische Infektionen in immungeschwächten Personen Sprungvarianten begünstigen — vermutete Quelle der Omikron-Variante. Zweitens bröckle die regelbasierte Ordnung und damit die International Health Regulations, die Länder zur Meldung ungewöhnlicher Ereignisse verpflichten und vor unbegründeten Handels- und Reisebeschränkungen schützen sollen. In einer nationalistischeren Welt sinke die Bereitschaft, Auffälligkeiten frühzeitig zu melden, aus Furcht vor Embargos.
Hinzu komme eine politische Verschiebung: Pandemiebekämpfung sei in einer ganzen Strömung „toxisch" geworden. Unter George W. Bush sei in den USA — nach Lektüre von „The Great Influenza" — parteiübergreifend stark investiert worden; heute amtiere ein bekennender Impfgegner als US-Gesundheitsminister. Die US-Reaktion auf H5N1 in Milchkühen sei das bedrückendste Beispiel der letzten Jahre; dass es nicht zur Pandemie kam, liege am Virus, nicht am Handeln. Operation Warp Speed werde von Trump selbst kaum noch erwähnt, weil sie in der MAGA-Szene toxisch sei.
In der zweiten Stufe sieht Kupferschmidt Fortschritte: flexiblere, digitalere Gesundheitssysteme, die mRNA-Erfahrung beschleunige die nächste Impfstoff-Entwicklung. Diese „harten Faktoren" hülfen aber wenig, wenn die Bevölkerung nicht mitgeht — online seien Strukturen entstanden, in denen Anti-Public-Health-Akteure Geld verdienen oder politische Ämter erreichen; Gegen-Mobilisierung sei „in Minuten statt Monaten" zu erwarten. Fraglich sei auch, ob Europa sich wie 2020 auf US-Finanzierung und -Lieferketten verlassen könne. Zur deutschen Verwaltungsmodernisierung äußert er sich zurückhaltend; wichtiger wäre eine interdisziplinäre, transparente Wissenschaftsberatung der Politik. Merkel habe Deutschland nach Ebola zum größten WHO-Geldgeber gemacht; umso schockierender sei, dass Deutschland in den PABS-Verhandlungen Industriepolitik über den multilateralen Anspruch stelle.
Ulf
Ulf fragt, ob die niedrige Pandemie-Einschätzung nur an der geringen Infektiosität dieser Anden-Variante hänge — und ob das Bild bei einer leichter übertragbaren Variante kippe. Er fragt zudem nach Digitalisierung der Gesundheitsämter und besserer Cluster-Erkennung („Bleistift und Excel" während Corona). Im Schluss warnt er, dass Erste-Welt-Egoismus die Erkennung und Bekämpfung künftiger Pandemien erschwere.
Philip
Philip stellt klar, dass aktuell kein Beginn einer neuen Pandemie zu erkennen ist. Er weist auf die ethische und zugleich eigeninteressierte Dimension globaler Gesundheitshilfe hin: Eine gute weltweite HIV-Behandlung schütze auch die eigene Bevölkerung, weil chronische Infektionen mit Immunschwäche-Bezug das Entstehen gefährlicher Varianten begünstigen können — ein Zusammenhang, der in Deutschland zu wenig vermittelt werde.