Im Gespräch mit Ulf Buermeyer und Philip Banse berichtet Matthias Lehna vom deutschen Drohnen-Unternehmen Quantum Systems über ein Joint Venture mit der ukrainischen Firma Frontline Robotics. Gemeinsam betreiben die beiden Unternehmen unter dem Namen Quantum Frontline Industries eine Drohnenfabrik in der Nähe von München, in der eine ukrainische Drohne in Deutschland für den Einsatz in der Ukraine produziert wird. Die Lizenzfreigabe erfolgte Mitte Februar; Präsident Selenskyj und Verteidigungsminister Pistorius bekamen die erste Drohne kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz symbolisch übergeben. Seither produziert das Joint Venture vor Ort, hat bereits mehrere Lieferungen in die Ukraine realisiert und beschäftigt 115 Mitarbeitende.
Quantum Systems liefert seit 2022 Aufklärungsdrohnen vom Typ Vector in die Ukraine. 2023 folgten Service- und Support-Hubs, anschließend eine vollständige Lokalisierung mit eigener Produktion in der Ukraine, einem R&D-Hub vor Ort sowie 500 ukrainischen Mitarbeitenden. Über eine Investition in Frontline Robotics entstand schließlich das Joint Venture in Deutschland, das als erstes Projekt im Rahmen der sogenannten Defense Industrial Corporation mit der Ukraine verwirklicht wurde. Daneben gibt es nach Lehnas Kenntnis bislang nur ein weiteres umgesetztes Joint Venture: eine britisch-ukrainische Kooperation zur Produktion von Interceptor-Drohnen. Weitere angekündigte Vorhaben befinden sich in unterschiedlichen Stufen der Umsetzung.
Hintergrund des Gesprächs ist eine Reise von Verteidigungsminister Pistorius in die Ukraine, bei der er den Strategiewechsel verkündete, die Ukraine nicht mehr nur als Hilfeempfänger, sondern als strategischen Partner zu betrachten — auch zum Vorteil der Bundeswehr. In der Frage europäischer Souveränität und der Diskussion um nicht gelieferte US-Mittelstreckenraketen (Stichwort Tomahawks) wird über Kooperationen zwischen deutschen und ukrainischen Firmen als Modell debattiert. Nach Presseberichten ist auch der US-Investor Peter Thiel mit etwa 18 Millionen Dollar bei Quantum Systems investiert.
Einordnung
Lehnas Position
Lehna sieht in der ukrainischen Drohnentechnologie einen "Erkenntnismehrwert" für Quantum Systems und für die deutsche Industrie. Die Ukraine zeige einen sehr starken "Sense of Urgency": Ein Land im Krieg wisse klar, worauf es ankomme, und reagiere auf Veränderungen des Gefechtsfelds in einer Geschwindigkeit, die er anderswo in der Industrie nicht beobachte. Drohnen hätten klassische Großsysteme wie Panzer zunehmend abgelöst und es der Ukraine ermöglicht, sich seit vier Jahren gegen einen übermächtigen Gegner zu behaupten. Wer nicht vor Ort sei, könne an dieser Entwicklung kaum teilhaben — daher die frühe Lokalisierungsstrategie.
Anschaulich macht Lehna das mit einer Anekdote von seinem ersten Ukraine-Besuch 2023: Er sei mit der Vorstellung gekommen, vor allem Software- und KI-Tools einbringen zu müssen. Sein Managing Director habe ihn dann in den Keller des damaligen Support-Hubs geführt, ihm zerbrochene Flügelteile gezeigt und gesagt: "We need better material." Software- und KI-Entwicklung seien real und wichtig, aber nicht losgelöst von den konkreten Belastungen, denen die Systeme an der Front unter härtesten Bedingungen ausgesetzt seien. Entscheidend sei eine Feedback-Schleife zwischen Front und Entwicklung — und Skalierbarkeit. Hochgezüchtete High-End-Produkte, die nur in "homöopathischen Dosen" eingesetzt werden könnten, weil sie preislich nicht kompetitiv oder an den Anforderungen vorbei entwickelt seien, brächten wenig.
Auf die Frage nach einer möglichen deutsch-ukrainischen Mittelstreckenraketen-Kooperation verweist Lehna darauf, dass die Ukraine nach vier Jahren Krieg eigene Fähigkeiten entwickelt habe — gerade dort, wo der Westen nichts geliefert habe. Sie könne dabei auf eine alte Luft- und Raumfahrtindustrie aus Sowjetzeiten sowie auf Software-Entwicklerinnen und -entwickler zurückgreifen. Westliche Partner sollten am Lernen aus dem Einsatz partizipieren; das sei aktuell das "Thema Nummer eins in dieser Industrie". Die Politik stoße bereits Vorhaben an, deren Umsetzung aber unterschiedlich weit gediehen sei; vieles sei in der echten Produktion in Deutschland noch nicht realisiert. Auch die ukrainische Seite — Stichwort "Drone-Deals" — wolle die Kooperationen aktiv lenken.
Zur Kritik an US-Investor Peter Thiel hält Lehna entgegen, entscheidend sei nicht die historische Investitionssumme, sondern die aktuellen Stimm- und Anteilsrechte — und die seien marginal. Eine relevante Einflussmöglichkeit Thiels auf das Unternehmen gebe es nicht. Die eigentliche Frage sei, was Europa selbst an Kapital aufbringen könne; ab einer bestimmten Ticket-Size werde es bei europäischen Investoren eng. Quantum habe gleichwohl eine "sehr starke europäische Investorenstruktur" und sei eine europäische Firma.
Ulf macht im Gespräch deutlich, dass die deutsche Abhängigkeit von US-Militärlieferungen — gerade in der Tomahawk-Debatte — den Druck erhöhe, mit der Ukraine als strategischem Partner zusammenzuarbeiten, und greift die kritische Perspektive auf US-Investoren wie Peter Thiel ausdrücklich auf.
Philip fragt nach, wie Deutschland konkret von ukrainischem Wissen und ukrainischer Produktion profitieren könne und welche zusätzlichen Schritte die Politik unternehmen sollte, um den Austausch mit dem strategischen Partner Ukraine zu fördern.