Nach dem Besuch beim Unternehmer Marco Scheel in Teplitz ziehen Ulf und Philip im Studio Bilanz. Zur Vorbereitung sprachen sie mit der Verwaltungsexpertin Julia Borggräfe – Juristin, vier Jahre im Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit der Digitalisierung der Arbeitswelt befasst und Mitglied im Aufsichtsrat des Digital-Service des Bundes. Inzwischen führt sie die Unternehmensberatung Borggräfe und Keil für Transformations- und Organisationsentwicklung im öffentlichen Sektor und hat das Buch „Bürokratopia" geschrieben; ihr Motto lautet „Verwaltung muss können".
Borggräfe verweist auf das Konzept des Systemvertrauens: Ein demokratisches Staatssystem lebe stark davon, dass Bürgerinnen und Bürger darauf vertrauen, dass der Staat funktioniert. Dieses Vertrauen müsse sich ein Staat verdienen, indem die Menschen merken, dass ihr Geld gut investiert ist – etwa in Sauberkeit, Infrastruktur oder funktionierenden Nahverkehr. Anders als beim Personenvertrauen könnten Einzelne das komplexe Konstrukt Staat gar nicht durchschauen und seien darauf angewiesen.
Eine aktuelle Studie untermauert die Sorge: Der E-Government-Monitor 2025 der Initiative D21 erhebt jährlich das Vertrauen in den Staat. 2022 gaben noch 38 Prozent der Befragten an, Vertrauen in den Staat zu haben; 2025 nur noch 33 Prozent.
Als zentralen Faktor benennt Borggräfe die Anreize: Belohnt werde, wer ein Verfahren konsequent und korrekt anwendet – nicht, wer für die Nutzer die beste Lösung findet. Sei ein Verfahren dysfunktional oder seien zu viele Stellen beteiligt, wie im Beispiel des Tierseuchenhofs, werde die Lösung sehr aufwendig. Borggräfe schlägt deshalb Fallmanager bzw. Case Manager vor: Personen, die innerhalb des geltenden Rechts eine Ergebnisverantwortung tragen, das Verfahren steuern und andere Zuständige an einen Tisch holen, um gemeinsam eine tragfähige Lösung zu finden.
Auch der Landrat des Landkreises Nordwestmecklenburg, Tino Schomann (CDU), kam vor dem Besuch zu Wort. Verwaltungen seien nicht zum Selbstzweck da, sondern um für die Bürger Lösungen zu finden. Manches sei gesetzlich ausgeschlossen, vieles liege aber im Ermessen – dort komme es auf die Orientierung an; vieles sei eine Haltungsfrage. Man hätte etwa die strittige Scheune als Innenbereich statt Außenbereich einstufen können, dann wäre kein Bebauungsplan nötig gewesen und Scheel hätte sanieren dürfen. Er verweist zudem auf die Wirtschaftsförderung des Landkreises, die einer Lotsen-Idee entspreche: Unternehmen bekämen dort jemanden, der sie durch die Anträge führt. Zugleich lasse sich Serviceorientierung nicht von oben anordnen; die Mitarbeitenden seien selbst Privatpersonen, von der Stimmungslage geprägt, und Führungskräfte müssten Motivation erzeugen.

