Im Gespräch mit der Sinologin Marina Rudyak von der Universität Heidelberg geht es um die Frage, welches Bild in deutschen Köpfen über China vorherrscht und welche Korrekturen aus fachlicher Sicht nötig wären. Anlass ist die Beobachtung, dass die öffentliche Wahrnehmung Chinas in Deutschland nach Einschätzung der Sinologin häufig vereinfacht und eindimensional ausfällt und nur wenige Graustufen kennt.

Einordnung

Position von Marina Rudyak

Das größte Missverständnis sei die Vorstellung, China sei ein top-down durchregierter, gleichgeschalteter Staat. Die chinesische Regierung sei zwar autoritär und könne nach einigen Kriterien der Politikwissenschaft auch als diktatorisch bezeichnet werden. Daraus folge aber nicht, dass sich die gesamte Bürokratie und die gesamte Bevölkerung nach dem ausrichten, was die Regierung sagt. Rudyak verweist auf das chinesische Sprichwort „der Himmel ist hoch und der Kaiser ist weit": Die Bevölkerung nehme Partei und Regierung oft wie das Wetter wahr, an dem man nichts ändern könne, und mache dann innerhalb dieses Rahmens das, was möglich sei. Die Annahme eines vollständig durchregierten Staates sei deshalb überhaupt nicht zutreffend.

Als zweites Missverständnis nennt Rudyak die Vorstellung, China lerne nicht von anderen Staaten. In ihrem Politikberatungskontext begegne sie immer wieder überraschten Blicken, wenn sie darauf hinweise, dass auch der autoritäre chinesische Staat sich reformieren, besser regieren und vom Westen, von Deutschland und von anderen Staaten lernen wolle. Genau das tue China aber.