In Folge 477 spricht Philip Banse mit der Sinologin Marina Rudyak (Universität Heidelberg/Yale) über die Frage, wie tief die Kommunistische Partei Chinas in die Gesellschaft hineinreicht. Den Hintergrund bildet das zuvor beschriebene Bild einer sehr großen Parteiorganisation, die personell eng mit den parallelen Staatsämtern und Institutionen verflochten ist und über ein Rekrutierungssystem verfügt, das im Kern auf der Partei fußt.

Banse fragt konkret, wie eng diese Institution aus Partei und Staat mit der Gesellschaft verbunden ist. Er stellt sich, wie er sagt, zwei Sphären vor: auf der einen Seite Staat und Partei, die sich ein Stück weit aus sich selbst heraus rekrutieren, auf der anderen Seite die Gesellschaft, die sich womöglich weitgehend unbehelligt von der Partei organisieren könne. Als zugespitztes Beispiel fragt er, ob es in jedem Wohnblock einen Parteivertreter gebe, mit dem etwa jeder Stromvertrag abgestimmt werden müsse.

Rudyak schildert die Strukturen anders. Die Partei sei zwar ziemlich tief in der Gesellschaft drin, allerdings nicht primär über Wohnblock-Vertreter. Stattdessen gebe es in fast jedem Unternehmen eine Parteizelle beziehungsweise müsse eine solche eingerichtet werden, sobald es dort Parteimitglieder gebe. Der Eintritt in die Partei sei zugleich ein Karrierebooster. Viele Menschen träten ein, nicht weil sie selbst Kader werden wollten, sondern weil eine Mitgliedschaft der eigenen Karriere nütze.

Als Beispiel nennt Rudyak chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Professoren an Universitäten: Viele von ihnen seien Parteimitglieder, „weil man das eben macht". Der Pfad beginne früh: Wer in der Schule gute Leistungen zeige, werde für den Jugendverband vorgeschlagen, was wie eine Art Ehrenabzeichen funktioniere.

Zur Frage der Loyalität skizziert Rudyak auch eine Praxis innerer Distanz. Sie habe viele Freunde, die Parteimitglieder seien und sinngemäß sagten: „I'm lying flat" – also „Ich liege flach, ich halte mich gerade zurück." Konkret bedeute das, gelegentlich zu den Sitzungen zu gehen, weil man müsse, sich darüber hinaus aber nicht weiter einzubringen.

Ein zweiter Punkt betrifft die Rolle der Partei in Unternehmen, den Rudyak selbst als überraschend bezeichnet. Eine erwartbare Lesart wäre, dass Parteizellen den Betriebsablauf störten und Beschäftigte mit Xi-Jinping-Ideologie und ähnlichem behelligten. Tatsächlich funktioniere die Partei zugleich auch in die andere Richtung: Sie trage Anliegen einzelner Unternehmen weiter nach oben in der politischen Hierarchie. Damit wirke sie als vertikaler Informationsflussmechanismus.

Einordnung

Rudyaks Position

Rudyak ordnet die Verflechtung von Partei und Gesellschaft bewusst nicht eindimensional ein, sondern spricht von „verschiedenen grauen Stufen". Auf der einen Seite stünden negative Seiten: Die Partei stehle Beschäftigten Arbeitszeit, etwa durch verpflichtende Sitzungen zu Xi-Jinping-Gedanken. Auf der anderen Seite könne sie auch dabei helfen, Probleme von Unternehmen zu lösen, weil sie als Kanal funktioniere, über den solche Probleme pragmatisch nach oben kommuniziert und dann gelöst werden könnten. In diesem Sinne, so Rudyak, könne die Partei in der Wirtschaft durchaus auch als „Schmieröl" wirken.

Zugleich relativiert sie das Bild einer monolithisch durchideologisierten Mitgliedschaft. Dass viele Menschen vor allem aus Karrieregründen Mitglied würden und sich Teile von ihnen innerlich zurückzögen, bedeute, dass nicht alle mit allem einverstanden seien, was die Regierung gerade mache. Die Partei sei damit gleichzeitig allgegenwärtig in Unternehmen, Universitäten und Schulen und in ihrer inneren Geschlossenheit weniger eindeutig, als es eine reine Außenbetrachtung nahelegen würde.

Philip schildert in der Frage selbst zwei mögliche Modelle, mit denen man sich das Verhältnis vorstellen könnte – ein in sich geschlossenes Staats-Partei-System neben einer weitgehend autonomen Gesellschaft auf der einen Seite, eine bis in den Wohnblock und den Stromvertrag hineinreichende Kontrolle auf der anderen. Beide Bilder dienen ihm in der Folge dazu, Rudyaks differenziertere Beschreibung der „grauen Stufen" – Parteizellen in Betrieben, Karriere-Anreize, Jugendverband, vertikaler Informationsfluss – im Kontrast zu diesen Extrempolen herauszuarbeiten.