Im Gespräch mit der Sinologin Marina Rudyak (Universität Heidelberg/Yale) geht es um die Frage, wie sich Chinas wirtschaftliche Beweglichkeit mit dem monolithisch wirkenden politischen System verträgt. Ausgangspunkt der Diskussion ist die Beobachtung, dass China in vielen Branchen vom Maschinenbau über Autobau und Energieerzeugung bis zum Flugzeugbau nicht mehr nur „Werkbank" für drittklassige Produkte ist, sondern auf Augenhöhe mit deutschen und amerikanischen Herstellern agiert und diesen teilweise vorausgeeilt ist. Gleichzeitig handelt es sich um ein autoritäres, teils diktatorisches System mit Zensur und ohne demokratische Wahlen.

Zur Einordnung verweist Rudyak auf eine Grafik des Economist zur Entwicklung der größten Volkswirtschaften der Welt seit dem Jahr Null. In den vergangenen rund 2.000 Jahren liegt der Zeitraum, in dem China nicht zu den größten Volkswirtschaften gehörte, demnach nur zwischen 50 und 70 Jahren. Als historische Zäsur wird das 19. Jahrhundert benannt: Der Westen vollzog die industrielle Revolution, China verharrte auf einem hohen Niveau des vorindustriellen Zeitalters und fiel technologisch zurück.

Als Beginn der wirtschaftlichen Öffnung wird das Jahr 1978 mit der Reform- und Öffnungspolitik genannt. Deng Xiaoping, der „Vater der chinesischen Reformen", habe bereits in den 1980er Jahren formuliert, dass China keine Demokratie werde und bei kritischen Rohstoffen unabhängig sein wolle.

Als konkretes Beispiel für das Verhältnis von Staat und Wirtschaft wird der Fall Alibaba geschildert. 2020 kritisierte Konzerngründer Jack Ma die Regierung dafür, zu viel zu regulieren. In der Folge wurde das zu Alibaba gehörende Unternehmen Ant 48 Stunden vor dem Börsengang gestoppt, Jack Ma verschwand für mehrere Jahre von der Bildfläche, und es kam zu umfangreichen Antikartell-Gesetzgebungen, mit denen die Regierung gegen Unternehmen vorging. 2023 wurde dieser Kurs als nicht zielführend bewertet und massiv umgesteuert. Seither stelle die Regierung ein regulatorisches Umfeld bereit, das gerade KI-Unternehmen helfen solle. Erwähnt wird zudem, dass beim Ersten Vizepremier Ding Xuexiang eine spezielle Anlaufstelle („dedicated desk") für das Unternehmen Huawei eingerichtet wurde, das 2018 noch ein Mobilfunkunternehmen war und inzwischen als Systemintegrator mit über 2000 Unternehmen agiert.