Im Interview mit der Sinologin Marina Rudyak (Universität Heidelberg/Yale) geht es um die Kehrseite des chinesischen Staatsmodells, das im vorangegangenen Abschnitt als auf bestimmten Feldern hochgradig leistungsfähig beschrieben wurde. Als Beispiel für diese Leistungsfähigkeit dient die strategische Entscheidung zu den Seltenen Erden, die vor 20 bis 25 Jahren getroffen wurde und sich heute auszahlt. Zudem fließt staatliches Geld in Schlüsselbranchen wie die Künstliche Intelligenz.

Diese Dynamik hat laut Rudyak einen ökonomischen und einen gesellschaftlichen Preis. Ökonomisch erzielt derzeit kein chinesisches KI-Unternehmen Profite. Gesellschaftlich gehören zum Modell das Fehlen demokratischer Verfahren, Zensur und die fehlende Pressefreiheit. Ein verbreitetes Arrangement zwischen Bevölkerung und Partei wird im Gespräch mit dem Bild des Wetters illustriert: Die Partei werde wie das Wetter hingenommen, als etwas, das man nicht ändern könne, sondern mit dem man lebe.

Im weiteren Verlauf werden konkrete Proteste der vergangenen Jahre eingeordnet. Genannt werden die Proteste gegen die Zero-Covid-Politik sowie die Demonstrationen rund um den Zusammenbruch im Immobiliensektor mit Bezug auf Evergrande. Beim Immobilienkrach hatten Menschen Wohnungen auf Kredit gekauft, deren Fertigstellung wegen der Insolvenz des Bauunternehmens unsicher wurde. Daraufhin hoben viele massiv Geld von ihren Bankkonten ab, die Regierung fror Bankkonten ein, um einen Run auf das Bargeld zu verhindern. Auf den anschließenden Demonstrationen wurden Banner gezeigt mit Aufschriften wie „kein Zugang zum Geld, keine Menschenrechte". Die Regierung geht regelmäßig gegen solche Proteste vor, ohne dass sie damit aufhören, wenn es um persönliche Anliegen geht.