Im außenpolitischen Themenblock geht es um die Frage, ob China die USA als Supermacht ablösen und eine chinesische Weltordnung errichten will. Die Sinologin Marina Rudyak (Universität Heidelberg/Yale) ordnet ein, welche Ziele die Kommunistische Partei (KP) in Peking verfolgt.
Einordnung
Rudyaks Position
Rudyak benennt drei Kerninteressen der KP: erstens Legitimität, also der Machterhalt der Partei; zweitens territoriale Integrität, womit Tibet, Taiwan, Hongkong, Xinjiang und teilweise das südchinesische Meer gemeint sind; drittens ein internationales Umfeld, das Chinas Wirtschaftswachstum ermöglicht, an dem wiederum die Legitimität der Partei hängt. China brauche ein stabiles Umfeld mit Ländern, mit denen es Handel treiben kann und die keinen Krieg gegen China führen.
Vor diesem Hintergrund sei der Gedanke, die USA als Nummer eins abzulösen, aus chinesischer Perspektive politisch nicht sinnvoll. Chinesische Analysten sagten übereinstimmend, China wolle das nicht. Auch die chinesische politische Geschichtsschreibung sei voll von Beispielen für Staaten, die Nummer eins waren und am Ende gestürzt wurden. Nummer eins zu sein sei sehr teuer, und es sei immer jemand da, der einen vom Thron stoßen wolle.
China strebe an, eine der führenden Mächte global zu sein, also keine Pax Sinica, sondern eine chinesische Einflusssphäre im eigenen geografischen Bereich, dem Asien-Pazifik. Daraus erklärten sich die scharfe Rhetorik gegen die maritime Präsenz der USA im Indo-Pazifik und die scharfen Reaktionen gegen die NATO, die den Indo-Pazifik ebenfalls als Interessenregion definiert hat. Rudyaks Kurzformel: nicht die Nummer eins, aber ein Empire, das über seine Einflusssphäre herrscht, neben anderen Empires, die über ihre Einflusssphären herrschen.
Ulf zieht den Vergleich zu einer Monroe-Doktrin auf Chinesisch: Die USA hätten Nord- und Südamerika bereits in den 1830er Jahren als Einflusssphäre definiert, und analog sehe China Südostasien als eigene Einflusssphäre.