Im Gespräch mit der Lage analysiert Sinologin Marina Rudyak, Gastprofessorin in Yale, Chinas Rolle im Iran-Krieg. China importiert mehr als 70 Prozent seines Ölbedarfs und 40 Prozent seines Gasbedarfs. Etwa die Hälfte des Öls und ein Drittel der Gas-Importe laufen über die Straße von Hormuz. Schiffe der chinesischen Schattenflotte fuhren während des Kriegs weiter durch die Meerenge, während andere Tanker die Route mieden.
In westlichen Medien wird China häufig als eigentlicher Profiteur dargestellt. Der Economist illustrierte das mit einem Titelbild von Xi Jinping und Donald Trump, überschrieben mit dem Satz, man unterbreche einen Gegner niemals, wenn er einen Fehler mache. Chinesische Ökonomen zeichnen ein anderes Bild: China sei zwar besser als andere Staaten in der Lage, Lieferengpässe abzufedern, auch durch Öllieferungen aus Russland, sei aber von Störungen in der regionalen Wertschöpfungskette betroffen — etwa weil der petrochemische Sektor Südkoreas eng mit dem chinesischen verflochten ist. Betroffen seien auch chinesische Exporte wie Gummi, Kunststoffe, Lösungsmittel, Polyester und Nylon. Ein führender chinesischer Ökonom forderte, Importe weg von Hormuz zu diversifizieren und Markteingriffe vorzunehmen.
Eine weitere Frage betrifft Taiwan: Falls die USA im Iran-Krieg schwächer wirken als angenommen — Regime-Change ist nicht eingetreten, stattdessen wird mit Teheran verhandelt —, könnte sich Peking ermutigt fühlen. Parallel hat ein Besuch der taiwanischen Opposition in Peking stattgefunden.
Einordnung
Rudyaks Position
Aus chinesischer Perspektive sei der Krieg keineswegs positiv. China sei „massiv\" von den Energieströmen über Hormuz abhängig, und chinesische Ökonomen sähen die Volksrepublik nicht als Profiteurin. Ein Krieg, der Versorgungswege belastet und die petrochemische Wertschöpfungskette stört, schade auch chinesischer Produktion und Exporten. Die Forderung nach Diversifizierung und Markteingriffen zeige, wie ernst die Lage in Peking gesehen werde.
Bezogen auf Taiwan hält Rudyak einen Angriff aktuell für unwahrscheinlich. China müsste annehmen, militärisch zu gewinnen beziehungsweise dass die USA nicht reagieren — solche Signale gebe es aus Washington nicht. Trotz Modernisierung habe die chinesische Armee seit 1978 keinen aktiven Kampf mehr geführt, während die US-Streitkräfte über jahrzehntelange Kampferfahrung verfügten. Auch die wirtschaftliche Lage spreche gegen ein Risiko-Manöver, ebenso der Besuch der taiwanischen Opposition. Legt man „alle Puzzleteile auf den Tisch\", ergebe ein Angriff aus chinesischer Sicht „keinen Sinn\".
Ihr Anliegen verschiebt Rudyak danach auf die Frage, was Deutschland aus dem Blick auf China lernen müsse. Ihre These: Von China lasse sich Agilität lernen. In Deutschland werde nach den Kosten der Veränderung gefragt, kaum nach den Kosten des Nicht-Veränderns. Nach dem Besuch des Bundeskanzlers in China werde deutlich, was die Kosten ausbleibender Innovation seien. Sie verweist auf Dan Wangs Buch „Breakneck\", das die These vertritt, China werde von Ingenieuren regiert, die USA von Anwälten. Das allein erkläre nicht genug, weise aber darauf hin, dass in Deutschland zu wenige Ingenieure in politische Prozesse eingebunden seien. Aus eigener Erfahrung schildert sie, dass Reisekostenabrechnungen an einer deutschen Universität mehr Arbeitsstunden kosteten, als sie an Reisegeld veruntreuen könnte — ein System, das so auf Missbrauchsvermeidung im Kleinen ziele, dass Arbeitszeit von Kernkompetenzen abgezogen werde.
Kulturelle Erklärungen weist Rudyak zurück: Die Gründe für Chinas Innovationsdynamik lägen in der Masse an Menschen und am externen Veränderungsdruck. Vor zehn Jahren habe man in Peking wegen Smogs kaum atmen können; 2012 habe sie beim Landeanflug den Boden bis zum Aufsetzen nicht gesehen. Solche Probleme hätten einen Veränderungsdruck erzeugt, den Deutschland angesichts des Wohlstands nicht kenne.
Daran knüpft sie eine historische Parallele: Deutschland sei möglicherweise spiegelbildlich in Chinas „High Level Equilibrium Trap\" des 19. Jahrhunderts — einer Falle des Gleichgewichts auf hohem Niveau, in der ein Land mit vorindustriellen Mitteln das Maximum herausgeholt habe. Als Briten und USA mit Kanonenbooten kamen und China zur Marktöffnung zwangen, sei der bis heute andauernde Prozess angestoßen worden. Ihr Wunsch sei, dass Deutschland die Weichen umstelle, bevor es zu einem vergleichbaren Crash mit Opiumkriegen, Territorialverlust und Kolonisierung komme.
Ulf
Ulf bringt eine zweite Dimension ein: die These aus einem israelischen Podcast, dass sich die USA militärisch „gewaltig blamieren\", weil der Iran-Krieg nicht nach Plan laufe und das Ziel Regime-Change verfehlt sei. Trump habe das Regime in Teheran durch die Verhandlungen sogar gestärkt. Daraus leitet Ulf die Sorge ab, China könne sich in der Taiwan-Frage ermutigt fühlen. In der Innovationsfrage nennt es Ulf „ernüchternd\", dass eine Diktatur bei der Dekarbonisierung rationaler handle als die deutsche Demokratie. Er weigere sich zu glauben, dass eine Diktatur die besseren Ergebnisse produziere.
Philip
Philip schließt aus Rudyaks Argumentation, Deutschland habe es schlicht „zu gut\". Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es zu viel zu verlieren gegeben — Wohlstand, Wachstum, Maschinenbau-Weltmarktführerschaft, soziale Sicherungssysteme. Erst jetzt, wenn man „gegen die Wand fahre\", beginne ein echter Wandel.
Ulf und Philip
Beide schließen sich der Diagnose an, dass Deutschland an übersteuerter Risiko-Vermeidung kranke und sich teils von fossilen Lobby-Interessen — der Vorwurf richte sich vor allem an Union und FDP — kaufen lasse. Damit sei es verwundbarer als ein autoritäres Regime, das frühzeitig in Schlüsseltechnologien investiere und Fehlinvestitionen in Kauf nehme. Warum es Demokratien nicht gelinge, bürokratische Strukturen zurückzubauen, bleibt offen.